Rezensionen Hallo Endorphin:
OX-Fanzine, September 1999:
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" - angesichts dieser schönen Textzeile kann man als
Schreiberling eigentlich gleich wieder einpacken. Aber den Gefallen werde ich den vier Hamburgern nicht tun,
schließlich gibt es über das vierte ...BUT ALIVE-Album einiges zu sagen. Außer den gewohnt intelligenten
und zynischen Texten hat sich nämlich v.a. in musikalischer Hinsicht einiges im Hause ...BUT ALIVE
geändert. Denn mit "Hallo Endorphin" verabschieden sie sich vorsichtig, aber dennoch bestimmt vom
Punkrock. Wir erinnern uns: Mit unpolitischen Bierzelt-Punks und politisch korrekten Szene-Katholiken
konnten sie ja noch nie etwas anfangen. Diese Einstellung wird nun auch in musikalischer Hinsicht deutlicher
als je zuvor - klassische, schnelle Punkrock-Songs sucht man auf dem neuen Album vergeblich. Statt dessen
nähert sich das Quartett aus dem hohen Norden ungezwungen der Popmusik an, wobei die Jungs auch nicht
vor dem Gebrauch von dezenten Keyboards und Bläsern zurückschrecken. Wer aber nun enttäuscht glaubt, es
mittlerweile mit irgendeiner belanglosen Popband zu tun zu haben, der irrt sich gewaltig, denn ...BUT ALIVE
sind so melancholisch, zynisch und angriffslustig wie eh und je. Heute gehen sie z.B. in einem etwas anderen
musikalischen Gewand auf Studentenparties ("Aus den Boxen: Guns´n Roses. Und ob du lachst oder weinst:
Gleich gibt´s Simple Minds"), betrachten dort die Leute, um dabei zu folgender Einsicht zu gelangen: "Klar
kannst Du Dich mal melden, halt nur nicht bei mir": Auf dieser Platte bekommt eigentlich fast jeder sein Fett
weg, egal ob es sich um typische Studenten, Spießer, Fußballer, Musikkritiker oder trendbewußte Jugendliche
handelt. Und um eine letzte mögliche Befürchtung aus der Welt zu räumen: Nein, mit der sogenannten
"Hamburger Schule" hat "Hallo Endorphin" nicht viel zu tun - niemand braucht zu befürchten, hier auf
langweilige, nichtssagende und vor sich hin wimmernde TOCOTRONIC-Milchbubis zu treffen. BUT ALIVE
haben einen mutigen Schritt vorwärts getan, aber die letzten Worte überlassen wir den Künstlern selbst:
"Meinst Du es wirklich ehrlich oder tust du nur so als ob? Ich tu nur so als ob, aber das mein´ ich ehrlich."
Alles ist relativ! es * * * * *
WESTZEIT :
Hamburg aufgepasst: Dieses musikalische Amalgam aus Sterne, Tocotronic, EA 80, Boxhamsters, Extrabreit, Fehlfarben und Fischmob wird euch im Halse stecken bleiben. Mit "Hallo Endorphin" setzen sich diese Hanseaten, die schon seit 1992 mit intelligentem Punk bestechen, ein Denkmal. Schon auf den drei Vorgängeralben überzeugten sie mit gesundem, realitätsnahem Idealismus, ohne Phrasen und abseits aller politischen und gesellschaftlichen Extreme ("Hey , wir sind FDP-Punks , jetzt ist es raus"- Marcus ), was sie hier in jeder Zeile und mit jedem Song unterstreichen. Passagen wie "Meinst Du's wirklich ehrlich, oder tust Du nur als ob ? Ich tu nur so als ob, aber das mein ich ehrlich" oder "Klar, kannst Du Dich mal melden, halt nur nicht bei mir". Oder "Lass es alles , aber nicht beliebig werden" werden sowohl mit Pop, Punk und Rock als auch Elektronik-, Ska und HipHop- Einlagen gekreuzigt- fein abgeschmeckte Songs voller Energie, Variation und Emotion- halt pures Endorphin.
Georg Lomen
BROKEN SILENCE :
Deutsche Bands, mal abgesehen von den heimatlichen Hiphop-Acts, deren Texte
mal ausnahmsweise nicht in mehr-oder weniger platter, englischer Sprache sind, haben es oft nicht leicht. Die einen werden sie von der Musikpresse für total albern, gleich Teenie-
kompatibel gleich Schrott abgestempelt. Andere macht man lächerlich, weil sich
die Reime anhören wie aus dem Tagebuch eines frustrierten Soziologie-Studenten, der sich zum Ziel gesetzt hat, den gesamten Weltschmerz neu zu definieren. Oder der Verfasser
versteckt die Aussage in einem Haufen von Metaphern, den nur er selbst noch kapiert.
But Alive passen allerdings in keine dieser Kategorien. Denn diese Art von Texten
habe ich bei einer deutschen Band noch nie gesehen. So klauen die vier Hamburger Textzeilen bei den Stereophonics, allerdings mit der Anmerkung "wir dürfen das". Und den
Spruch "Über Musik zu schreiben ist wie zu Architektur zu tanzen" habe ich auch
schonmal irgendwo gehört. Ansonsten haben die Texte genug eigenes und dazu die Fähigkeit, genau die fiesen und negativen Gedanken auszusprechen, die man ab und zu hat.
Zynisch verarbeiten But Alive ihre Abneigung gegen oberflächlichen Party-Smalltalk,
Musikjournalisten und Spießbürgerleben. Musikalisch distanzieren sich But Alive von ihrem früheren Punkrock-Geschrammel. Die Songs werden poppiger und melodiöser, hier
und da sind auch elektronische Beats, Streicher und Bläser eingestreut. Erstaunlich
ist die Wechselwirkung zwischen Texten und Musik: Wären die Stücke eher getragen, der Track "Oben auf dem Dach" ist hier eine Ausnahme, hätte das Album eine eher
deprimierende Wirkung. Aber die hat es nicht, denn die Band hat es geschafft,
die Grenze zwischen Melancholie und erdrückender Sentimentalität zu ziehen. Und
melancholisch wirkt "Hallo Endorphin" meistens schon, wenn auch eher subtil. Vielleicht kann man das als Abrechnung mit der Spaßgeneration verstehen, die nicht unbedingt das
Wunschpublikum von But Alive ausmachen. Aber die könnten wohl sowieso nichts mit dem Album anfangen. Wer also auf anspruchsvolle Texte Wert legt, wird mit "Hallo Endorphin" gut
bedient sein. (Laura)
ABERRATION :
Mit Skrewdriver-Zitat am Ende, endlich mal jemand mit Geschmack! (der Webmaster)
Kennt noch jemand diesen Action-Reisser DARK ANGELS mit Dolph
Lundgreen ? Dort pumpt nämlich ein Außerirdischer, der ziemlich
genau eine Mischung aus dem Terminator und Conan dem Barbaren
ist, Menschen mit einer Überdosis Heroin voll, um ihnen dann
während des Sterbevorgangs pures Endorphin direkt aus dem Gehirn
abzusaugen. Ob das biochemisch so richtig und möglich ist, das weiß
ich nicht. Unumstritten ist jedoch die Tatsache, daß der menschliche
Körper im Zustand größter Panik, Ausweglosigkeit oder Bedrohung
bzw. im Angesicht des Todes Endorphin ausschüttet, da dieses
Glücksgefühle verursacht und somit eine beruhigende aber auch
berauschende Wirkung hat. Warum dieser Außerirdische Endorphin in
Reinform gewinnen möchte, ist nicht schwer zu erraten, natürlich um
die perfekte Droge zu besitzen und damit die Menschheit zu
unterjochen.
Selbiges wollen ...But Alive ganz sicher nicht, auch wenn ihr neues Album eine
perfekte Droge ist, zusätzlich auch noch eine außerirdisch gute. Warum der Titel
"Hallo Endorphin" lautet, liegt auf der Hand. Angesichts der nur schwer
erträglichen alltäglichen Desillusionierung, Zukunfts- und Perspektivlosigkeit
bleibt fast nichts anderes mehr übrig als dieses Grau(en) anzunehmen und für
sich selbst die Konsequenz zu ziehen dabei nicht mitzumachen, außen vor zu
bleiben und sich genau über den Fakt zu freuen, daß man nicht dazugehört ("Wir
sind raus und wir sind stolz darauf" Tocotronic). Nach der politisch korrekten
und sehr idealistischen ersten LP von ´93 "Für uns nicht" stellte die zweite LP
von ´95 schon die Frage, wie man denn in Anbetracht dieser Scheiße "Nicht
zynisch werden" solle. Mit "Bis jetzt ging alles gut..." von ´97 wurde diese Frage
dann ziemlich eindeutig beantwortet. Selten war eine Platte zynischer und böser
als diese. In musikalischer Hinsicht war der beschrittene Weg glücklicherweise
keine Einbahnstraße, auch wenn es sich bei den ersten drei Alben eigentlich um
" recht straighte Punk/HC Outputs handelte. Lediglich "Nicht zynisch
werden ?!" tanzte aus der Reihe, da hier auch schon ein Synthesizer und Sampler zum
Einsatz kam und die Songs insgesamt grooviger, langsamer und vetrackter waren.
In musikalischer Hinsicht knüpft "Hallo Endorphin" meiner Meinung nach
vor allem hier an, wobei Sunny (stand bisher live hinter dem Mischpult) und
Marcus sich für die Elektronik verantwortlich zeichnen. Der Hang zu
"echten" Popsongs, den es bei den Hamburgern schon immer und auf jeder
Platte gab (ich erinnere da mal an "Sie war, sie ist, sie bleibt", "Natalie" oder
"Sie weinte wirklich"), kommt jetzt eben viel deutlicher, bewußter und auch
gewollt zur Geltung. Andersrum betrachtet hätte jeder der 14 neuen Songs in
ähnlicher Form auch auf einer der letzten Platten sein können. Man hat es
hier – entgegengesetzten Meinungen zum Trotz – nicht mit einer neuen oder
anderen Band zu tun, denn ...But Alive sind auch bei noch so großen
Popmomenten, elektronischen Beats und Hip-Hop-/Reaggae-Anleihen sich
selbst treu und unverwechselbar geblieben, was insofern sehr hoch
einzuschätzen ist, als daß es für eine Band das größte Problem sein dürfte,
sich weiterzuentwickeln, sich jedoch nicht selbst zu verleugnen oder zu
verlieren. Daß dieser Schritt gegangen werden mußte, zeichnete sich schon
im Sommer ´98 ab. Es entstand vor allem live der Eindruck, daß die
Hamburger momentan die Schnauze voll hatten. Symptomatisch hierfür
"dürfte der schon damals live gespielte und jetzt auf "Hallo Endorphin"
"enthaltene Song "Sicher" sein, der mit seinem Refrain "Sicher bin ich schon
mal irgendwann sehr viel müder gewesen als jetzt. Ich kann mich nur beim
besten Willen nicht erinnern wann." für mein Verständnis sehr eindeutig zum
Ausdruck bringt, daß man einfach völlig genervt, müde und ratlos war und
nur dann noch sagen könnte "wofür, wenn man wüßte wogegen" (aus
"Niemand beißt die Hand, die einen füttert"), auch wenn das dann nur von
der Qualität eines Lippenbekenntnisses wäre.
Es war also irgendwie logisch und wahrscheinlich notwendig, daß sich
was ändern mußte. ...But Alive begreifen ihr neues Machwerk wohl
auch als eine Art Aufbruch, was sich nicht zuletzt in den
Umzugsbildern auf dem Backcover widerspiegelt. Textlich regiert für
meine Begriffe zwar keine blumfeldsche "neue Innerlichkeit", vielmehr
ein noch stärkerer subtiler Ton als bisher, der viel
Interpretationsspielraum läßt, was ich sehr begrüße. Mit "Weniger als 5
Sekunden" findet sich hier ein Song wieder, der im Grunde genommen
den Satz "Nur die Momente sind´s, die zählen" (aus "Weißt nur was Du
nicht willst" von "Nicht zynisch werden ?!") stärker auslegt und zeigt,
daß man ständig zwischen alles erdrückendem Nihilismus und kurzen
Augenblicken, die eben diese Übermacht wenigstens kurz beiseite
schieben, schwankt. Sichtbar wird, wie schnell aus einer göttlichen
Aussicht ein tiefer Abgrund werden kann, allerdings nicht muß. Daß
das, was ich hier gerade tue, nämlich "über Musik schreiben", oft nichts
anderes ist als "zu Architektur tanzen" ist der Kern von "Ein
sozialkritisches Schlagzeugsolo später...". Marcus versucht humorvoll
wie nie - ein Prädikat, das übrigens auf die gesamte Platte zutrifft – mit
dem Phänomen Hamburger Schule aufzuräumen und schiebt den
schwarzen Peter mit Recht jenen Medienkoksnasen zu, die aus jedem
Popsong ein revolutionäres Fanal machen und sich – genau wie ich
übrigens – zu viele Worte zu einer Platte aus den Fingern saugen, sowie
die Bedeutung einer "postmodernen", undergroundgehypten
Technoplatte völlig überbewerten. Auch wenn es noch so gut gemeint
ist, ist es nicht besser als nichts. Fazit: "Hamburg ist unschuldig. Und
die Bands sowieso.". Unmöglich war, ist und bleibt es Musik mit
Worten gerecht zu werden, weshalb der Versuch mit diesem Anspruch
aufzutreten völlig absurd erscheint.
Was genau "Teil des Plans" und was dieser Plan ist, bleibt unklar. Doch die
Vermutung liegt nahe, daß etwas passiert sein muß, womit so eigentlich
niemand mehr gerechnet hat und man nun auch nicht weiß wie man sich
demgegenüber verhalten soll, obwohl man früher so geartete Szenarien
schon oft im Kopf durchgespielt hat. Möglicherweise soll gezeigt werden,
was passieren könnte, wenn das Unverhoffte doch noch losbricht. Vielleicht
eine oder gar DIE Revolution ? Worin die Ursachen dafür liegen, erschließt
sich nicht. Klar ist nur, daß "etwas in uns hat, wollte, will und wird", also
nichts. Auf "Hallo Endorphin" sind keine Texte von Gastautoren enthalten,
dafür zitiert Marcus munter sich selbst, bzw. in einem Fall Bernd
Begemann. Diesen allerdings aus einem Song – nämlich "Setz Dich hin" –
den ...But Alive selbst schon gecovert haben. "Was bleibt ihnen auch übrig
?" Wir wissen auch schon seit "Im Rockstadion trifft sich das schlechte
Gewissen" (von "Bis jetzt ging alles gut..."), daß "sie das gar nichts angeht".
Jetzt seid es eben ihr (wer denn jetzt eigentlich ?), denn "das geht euch gar
nichts an" (aus "Niemand beißt die Hand, die einen füttert"). Produziert
wurde "Hallo Endorphin" von Swen Meyer, der auch dafür verantwortlich
ist, daß die Samples und Synthesizerparts von der Platte auf der Bühne zum
Tragen kommen, was die äußerst angenehme Folge hat, daß jetzt auch
"Natalie" live gespielt werden kann. Von dessen Qualität konnte ich mich am
20. 8. in Köln schon überzeugen. Das Konzert – das erste seit fast einem
Jahr – zeigte dann, daß die Operation auch auf der Bühne gelungen ist. Mit
einer tiefgreifenden Veränderung wird doch aufgewartet, denn das Cover ist
diesmal nicht von Eric Drooker. Gut, irgendwann war das eben auch
ausgereizt. Das neue Cover bleibt rätselhaft, zumindest mir. Für den
Augenblick bleibt mir eine tiefere Bedeutung (noch) verborgen. Ob es eine
solche gibt, weiß ich ohnehin nicht.
Abschließend bleibt mir nur noch zu sagen. "They are back with a bang",
humorvoll, abwechslungsreich und überaus sympathisch. Große Band, große
Platte.
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